Leseprobe Angel’s Guardian

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Wo bist du jetzt schon wieder gelandet, fragte sich Gabriel und schüttelte amüsiert den Kopf.
Neugierig wanderte sein Blick durch den Raum. Dafür, dass er in einem Büro saß, entdeckte er hier mehr Antiquitäten und Luxus, als er je für möglich gehalten hätte. Der elegante Mahagonischreibtisch kostete sicher so viel, wie er in einem Monat verdiente. Dazu gesellten sich offenbar sehr kostbare Ölgemälde, die fein säuberlich in belüfteten Hightech-Glasrahmen präsentiert und stilvoll von kleinen Lampen ausgeleuchtet wurden. In der Mitte des großen Arbeitszimmers stand ein Billardtisch. Das ungewöhnlichste und wahrscheinlich teuerste im Raum war jedoch die hintere Wand, in deren Glasregal Gabriel vor wenigen Minuten noch gestöbert hatte. Darin befanden sich mehr als dreißig Erstausgaben, teilweise in echtem Leder gebunden. Daneben hingen ordentlich aufgereiht mehrere Schwerter, sogar scharf und allem Anschein nach ebenfalls seltene Antiquitäten waren.
Mit dem ältesten Gewerbe der Menschheit schien sich anscheinend wirklich jede Menge Kohle verdienen zu lassen, dachte Gabriel und grinste in sich hinein.
Bis heute Morgen hätte er sich nicht träumen lassen, jemals so ein Etablissement von innen zu sehen. Geschweige denn dieses hier. Es hatte sich herumgesprochen, dass es einmalig in London und Umgebung war. Gabriel erinnerte sich nur zu gut an die damaligen Medienberichte. Vor einem Jahr war dieses Gebäude komplett renoviert, umgebaut und neu eröffnet worden. Die Neueröffnung war der Aufmacher auf den Titelseiten der Regionalzeitungen und das Highlight auf den Regionalsendern gewesen.
»Es tut mir leid, dass du so lange warten musstest«, riss eine Stimme Gabriel unerwartet aus seinem Staunen.
Er straffte die Schultern, drehte sich um und sah sich einem gut aussehenden Mann gegenüber. Adrett in dunklem Anzug und Krawatte gekleidet, dazu ein charmantes Lächeln auf den Lippen. Der Mann reichte ihm die Hand.
»Ich bin Sean. Sean Ashton. Du musst Gabriel White sein?«
Sean umrundete den Schreibtisch, noch bevor Gabriel antworten konnte und nahm in einem Ledersessel Platz.
»Ja. Ich bin Gabriel White«, sagte er verblüfft über das lockere Auftreten des Clubbesitzers.
»Es freut mich, dass du so schnell Zeit gefunden hast. Matthew hat dich in den Himmel gehoben, als ich ihn fragte, ob er einen guten IT-Spezialisten empfehlen kann.«
Überrascht über das Kompliment lächelte er Sean an. »Danke. Aber manchmal neigt Matt doch zur Übertreibung.«
Sean zwinkerte ihm zu. »Man sollte sein Licht nie unter den Scheffel stellen.«
Gabriel spürte die Hitze ins Gesicht schießen. Ob es nun an den Worten oder an seinem attraktiven Gegenüber lag konnte er nicht sagen.
»Was genau ist eigentlich das Problem bei der IT-Anlage?«, erkundigte er sich, um den peinlichen Moment zu überspielen.
»Unser Server zickt herum«, antwortete Sean und seufzte. »Leider konnte der Computer-Notdienst am Wochenende nicht viel ausrichten, aber zumindest hat er die Daten gerettet. Ich dachte an einen neuen, größeren Server, dazu neue Rechner und ein neues Netzwerk, so dass ich auch im unteren Büro jederzeit Zugriff auf alle Daten habe.«
Gabriel nickte. »Kein Problem. Ich kann alles einrichten und kenne den Inhaber eines guten Computerfachhandels. Wenn ich die Sachen dort bestelle, gibt es sogar noch Rabatt.« Über seinem Kopf leuchteten bereits die Pfundnoten auf. Wenn er den Auftrag annahm, würde er im hinteren vierstelligen Bereich verdienen und sich endlich ein neues Auto leisten können.
»Ich bin einverstanden. Würdest du mir einen Kostenvoranschlag für die Unterlagen erstellen? Der Preis spielt keine Rolle.«
»Klar doch. Ich werde alles vorbereiten.« Gabriel musste sich zusammenreißen. So einen Kunden hatte er noch nie gehabt. Gedanklich umarmte er seinen besten Freund Matthew. Er musste ihn später unbedingt anrufen.
»Wunderbar. Wenn du möchtest …« Mitten im Satz klopfte es an der Tür. »Entschuldigung. Herein.«
Die Bürotür wurde geöffnet und Gabriels neugieriger Blick wanderte zu einem jungen Mann. Für einen Moment vergaß er zu atmen und er glaubte, sein Herz würde einen Schlag aussetzen, um dann in rasendem Tempo weiterzuschlagen. In den Raum trat ein bildschöner junger Mann. In der einen Hand balancierte er ein Tablet, in der anderen hielt er eine Serviette und Besteck. Doch das alles war nebensächlich. Nie zuvor war Gabriel so einem verfüherischen Mann begegnet. Er trug eine helle Bluejeans und ein eng anliegendes T-Shirt. Eine weiße Schürze hatte er sich lässig um die Hüften gebunden. Dunkelbraune verwuschelte Haare rahmten seine ebenmäßigen Gesichtszüge ein. Um seine Handgelenke hatte er zwei Lederarmbänder und ein silbernes Armkettchen geschlungen, um den Hals trug er eine Holzkette. Zwei leuchtende saphirblaue Augen sahen ihn kurz an und dazu schenkte er ihm ein zauberhaftes Lächeln, das alles um ihn herum verblassen ließ. Gabriel war froh bereits zu sitzen, sonst wäre er vermutlich auf der Stelle umgekippt. So atemberaubend schön hatte er sich immer einen Engel vorgestellt. Allein seine pure Anwesenheit brachte den ganzen Raum zum Strahlen.
»Sean, ich wusste nicht, dass du Besuch hast«, sprach der junge Mann mit einer sanften, hellen Tonlage.
Gabriel hatte niemals zuvor solch eine Stimme gehört. Er sah nicht nur aus wie ein Engel, sondern er hörte sich auch so an.
»Riley. Komm rein«, sagte Sean und winkte ihn zu sich. »Das ist Gabriel. Ich habe ihn gerade engagiert unser Computersystem auf Vordermann zu bringen.«
Riley trat ein und nickte Gabriel höflich zu. Anschließend stellte er das Tablet mit einem Teller voll lecker duftendem Essen vor Sean auf dem Schreibtisch ab.
»Was hast du denn heute für mich gezaubert?« Sean sog den Duft ein und Gabriel erwischte sich dabei, wie er es ihm gleich tat und ihm das Wasser im Mund zusammenlief.
»Das ist Jambalaya«, antwortete Riley und wirkte stolz.
»Ich liebe kreolische Küche«, platzte es aus Gabriel heraus.
»Da scheint jemand deine Vorliebe zu teilen.« Sean lachte.
»Ich versuche mich gerne an neuen Rezepten«, kam es von Riley und ein zartes Lächeln erhellte sein Gesicht. »Zurzeit lasse ich mich von einem neuen Kochbuch inspirieren. Aber ich möchte nicht stören. Ich lasse euch wieder allein.«
»Danke Riley.«
Gabriel erwischte sich dabei, wie er Riley hinterher sah und fragte sich dabei, ob er ihn noch einmal wieder sehen würde. So einem Mann war er zuvor nie begegnet. Erst ein leises Räuspern versetzte ihn zurück in die Gegenwart.
»Sind wir uns also einig?«, erkundigte sich Sean.
»Ähm … ja. Ich denke … schon.«
»Gut.« Sean grinste und Gabriel senkte beschämt den Blick. »Du besorgst alles, was nötig ist und der Preis spielt keine Rolle. Ach ja … und hier noch meine Visitenkarte.« Er griff in die Innentasche seines Jacketts und holte ein silbernes Etui heraus. Galant überreichte er Gabriel daraus eine Karte. »Auf dem Handy bin ich rund um die Uhr zu erreichen. Wenn ich nicht hier bin, ist Sam da. Frag einfach einen der Jungs. Es wäre gut, wenn du mir spätestens heute Abend Bescheid geben könntest, wann du anfangen kannst.«
Gabriel erhob sich und nahm die Karte entgegen. »Eigentlich sofort. Aber ich werde mich erst einmal um einen neuen Server und die Computer kümmern. Ich verabschiede mich dann auch mal. Guten Appetit.«
»Danke.«
Gabriel drehte sich um und wollte gerade das Büro verlassen, als Sean ihn zurückrief.
»Warte kurz.«
Überrascht drehte Gabriel sich um und sah Sean fragend an, der aufgestanden war und seine Brieftasche geöffnet hatte. Er zückte mehrere Scheine hervor und drückte sie ihm in die Hand.
»Betrachte es als Vorschuss. Immerhin hast du Ausgaben.«
»Aber … aber …«, sprachlos starrte Gabriel die Geldscheine an. Es waren alles Fünfzig Pfund Noten und wenn er richtig zählte, hatte er ihm soeben fast Fünftausend Pfund gegeben.
»Nimm es. Und wenn du nicht wiederkommst, frage ich Matthew, wo du dich versteckst. Immerhin ist mein Bruder mit ihm zusammen.«
An dieses kleine Detail hatte er gar nicht mehr gedacht. Erst jetzt, wo Sean es erwähnte, wurde ihm wieder bewusst, dass Tyler der Halbbruder von Sean Ashton war. Das war auch der Grund, warum er in dieses Büro eingeladen worden war.
»Keine Sorge, ich haue schon nicht ab.« Gabriel lachte und Sean fiel mit ein.
»So schnell mache ich mir keine Sorgen. Da bin ich Schlimmeres gewohnt.«
»Okay. Dann störe ich nicht länger, sonst wird das gute Essen noch kalt.«
Eilig ließ er die Geldscheine in der Hosentasche verschwinden und verließ das Büro. Draußen vor der Tür holte er einmal tief Luft und schloss für einen Moment die Augen. Heute Morgen hatte er noch geglaubt, er würde den Dezember ohne Auftrag überstehen müssen. Und nun steckte ein halbes Vermögen in seiner Tasche und er hatte dafür noch nicht einmal etwas getan. Er musste wirklich dringend mit Matt reden und sich bedanken.
Schließlich stieg Gabriel mit einem glückseligen Lächeln auf den Lippen in den Aufzug und fuhr vom fünften Stockwerk ins Erdgeschoss. Durch den Hintereingang des Black Desire trat er kurz darauf in den Hof. Dort blieb er wie versteinert stehen und dankte im Stillen allen Göttern, die ihm am selben Tag und noch in der gleichen Stunde einen Engel auf Erden geschickt hatten.

© Madison Clark

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